Keine Macht den Investoren

Mit etwas Abstand zu den Ereignissen rund um „das Kühne-Angebot“ im August, möchten wir als Initiative unsere Einschätzung zu der Thematik geben und unsere generelle Haltung zu Investoren verdeutlichen.

Am 11. August 2022 kam es zu einem Paukenschlag. Die Kühne Holding AG veröffentlichte in einer Pressemitteilung ein „10-Punkteprogramm zur Sanierung des Hamburger Traditionsvereins“. Durch Erfüllen der 10 aufgelisteten Forderungen würde der HSV Fußball AG ein Geldbetrag von 120 Mio. Euro winken.

Das Geld solle in die Stadionsanierung, den Schuldenabbau und den sportlichen Bereich fließen. Zudem sollen 60-80 Millionen Euro der insgesamt 120 Mio. Euro für weitere Anteilskäufe der Kühne Holding beim HSV bestimmt sein. Genauer gesagt: Diese will ihre Anteile an der HSV Fußball AG auf 39,9% aufstocken. Damit wären dann, der 50+1 Regel „entsprechend“, jegliche Anteile der möglich zu verscherbelnden 49,9% veräußert. Um dies umsetzen zu können, fordert Kühne in seiner Mitteilung, eine außerordentliche Mitgliederversammlung des HSV e.V. einzuberufen.

Weitere Forderungen Kühnes in der Pressemitteilung zeigen jedoch deutlich, dass das Vorhaben mit der 50+1-Regel und deren Zweck, die Entscheidungshoheit bei Verein und Fans zu halten, kaum noch etwas gemein hat und damit über diese hinaus gehen würde. So sollen sowohl der HSV e.V. als auch die Kühne Holding AG „je zwei von ihnen benannte Personen in den Aufsichtsrat (…) entsenden.“ Außerdem „soll eine neutrale Persönlichkeit mit sportlicher Fachkompetenz das Gremium ergänzen. Diese Persönlichkeit wird vom Hamburger Sportverein e.V. und der Kühne Holding AG gemeinsam ausgewählt.“ Eine strukturelle Stimmmehrheit des HSV e.V. als Mehrheitsanteiler wäre damit im Aufsichtsrat der AG nicht mehr gegeben. In dieselbe Richtung zielt der nach dem Forderungspapier einzurichtende „Arbeitsausschuss“, der zu gleichen Anteilen durch die Kühne Holding AG und dem HSV besetzt werden soll. Dieser Arbeitsausschuss solle „sich mit der strukturellen, finanziellen und sportlichen Entwicklung der HSV Fußball AG“ befassen, „gemeinsame Zielsetzungen“ erarbeiten und „deren Umsetzung überwachen“. Zudem solle dort auch über die „personelle Gremienbesetzung“ beraten werden.

Im Klartext: Alle wichtigen Entscheidungen des Vereins könnten nicht mehr selbstbestimmt gefällt werden, sondern würden unter ständiger Einflussnahme der Kühne Holding stehen. Noch schlimmer: bei Umsetzung aller Forderungen könnte der HSV e.V. (und damit die Mitgliedschaft) im schlimmsten Fall sein mehrheitliches Mitspracherecht in der AG verlieren.

Wir als Initiative „Unser HSV“ lehnen daher dieses Angebot Kühnes ab Partnerschaftliche Zusammenarbeit sieht für uns anders aus. Dem HSV auf dem Weg der wirtschaftlichen Stabilisierung zu helfen, stehen in diesem Fall direkter Einfluss auf jegliche operativen Entscheidungen gegenüber. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Klaus-Michael Kühne bereits mit deutlich weniger Anteilen, als den von ihm geforderten 39,9%, bedeutend zu viel Einfluss auf Prozesse beim HSV hatte und mit diesem Machtgehabe eine miserablen Außendarstellung entstand. Das „viel und frisches Geld“ nicht gleich kurz/mittelfristigen Erfolg bedeutet, sollte gerade den handelnden Personen des HSV bekannt sein. Seit der Ausgliederung 2014 dient der HSV in Fußballdeutschland als perfektes Beispiel dafür, welche negativen Auswirkungen finanzieller Größenwahn bedeuten kann.

Das Bestreben der HSV Fußball AG sollte es sein, die Büchse der Pandora wieder zu schließen und sich von Klaus-Michael Kühne bzw. der Kühne Holding zu emanzipieren. Nicht nur finanzielle Abhängigkeit des HSV sowie Macht und Einfluss Kühnes schaden unserem Verein, sondern auch Kühnes Schweigen zur Rolle des Unternehmens Kühne+Nagel im Nationalsozialismus und deren Nicht-Aufarbeitung sind mit unseren Werten nicht zu vereinbaren. Zu der Thematik wurde durch die Gruppe FORZA HAMBURG bereits eine detaillierte Stellungnahme veröffentlicht.

In einem Interview auf der Vereinswebseite erklärte Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender Marcell Jansen bereits: „[…] das an uns herangetragene Angebot ist in dieser Form nicht umsetzbar“. Keinen Monat später wiederum veröffentlichte das Präsidium eine weitere Pressemitteilung, in der von einem konstruktiven Austausch mit Klaus-Michael Kühne die Rede ist. Man freue sich auf den weiteren internen Austausch, bei dem die Möglichkeit einer konkreten weiteren Zusammenarbeit mit der Kühne Holding AG diskutiert werden soll.  Dieses Statement suggeriert bei uns eine 180-Grad-Wanderung und ist für uns erklärungsbedürftig. Wir erwarten vom Präsidium in der Thematik eine klare, eindeutige und transparente Haltung – eine derartige Zusammenarbeit mit der Kühne Holding ist abzulehnen! Zudem fordern wir das Präsidium auf, sich intensiv mit dem Antrag der Rechtsformprüfung, die von unserer Initiative im August 2021 in die Mitgliederversammlung eingebracht wurde und die mit deutlicher Mehrheit beschlossen wurde, primär zu beschäftigen und nicht mit populistischen Pressemitteilungen eines Hamburger Unternehmers.

Aber auch losgelöst von der Person Klaus-Michael Kühne steht für uns fest: Die in der Satzung des HSV e.V. verankerte Grenze von 24,9% der Anteile der HSV AG, die ohne eine Zustimmung der Mitgliedschaft verkauft werden können, bleibt unantastbar.

Die Relevanz dieser Grenze besteht darin, dass ein Stimmanteil ab 25,1% in einer AG zu einer Sperrminorität berechtigt. Die Sperrminorität stellt ein Vetorecht bei wichtigen Entscheidungen, bei denen eine ¾ – Mehrheit für eine Zustimmung benötigt werden, dar. Der HSV besitzt also eine selbstauferlegte „75+1-Regel“, welche die Mitbestimmung der Mitglieder und Fans sichert. Längst fordern auch bundesweite Faninitiativen wie Zukunft Profifußball eine einheitliche 75+1-Regel für Klubs, die in einer AG ausgegliedert sind.

Bei dem Thema Investoren geht es im Großen und Ganzen nicht zuletzt um die Frage, welchen Fußball wir wollen und welche Rolle der HSV darin spielen soll.

Und genau deshalb ist diese Mitbestimmung von Fans und Mitgliedern von zentraler Bedeutung. Denn der deutsche Profifußball lebt durch seine Fans und besitzt im Vergleich zu anderen ausländischen Ligen noch relativ demokratische Strukturen, die es ermöglichen, Einfluss auf fanrelevante Themen zu nehmen. Die 50+1-Regel und die damit verbundene Mitsprache der Fans und die Einschränkung von Investoren ermöglicht es, dass die Klubs noch nicht vollends von wertevergessenden und/oder profitgesteuerten Investoren übernommen worden sind.

Sich mit Investorengeld Erfolg erkaufen zu wollen und sich dem oft genannten Ziel der DFL, die englische Premier League sportlich und wirtschaftlich einholen zu wollen, zu verschreiben, ist nicht mit unserem Bild vom HSV vereinbar. Stattdessen würde es die Kommerzialisierung und Eventisierung vorantreiben und der Fußball sich somit von den Fans entkoppeln. Auf seine treuen und tollen Fans zu schwören, deren Meinungen und Wünsche bei allen wichtigen Entscheidungen aber zu missachten, funktioniert nicht. Es funktioniert nur mit einem systematischen und ernsten Dialog auf Augenhöhe – und das nicht nur anlassbezogen, sondern nachhaltig.

UNSER HSV soll ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltig agieren, die Fans und Mitglieder einbeziehen und sich auch auf DFL-Ebene dafür einsetzen.

UNSER HSV ist emotional, lebendig und leidenschaftlich. Lasst uns zusammen dafür einsetzen, dass dies bestehen bleibt und auch von Funktionären noch mehr gelebt und verstanden wird.  

UNSER HSV lehnt profitorientierte sowie nach Macht und Einfluss strebende Investoren ab. Nichts und niemand ist größer als der Verein.

Und darum: Bringt euch ein! Meldet euch bei uns, beim Supporters Club, dem Fanprojekt oder dem Förderkreis Nordtribüne. Lasst uns unsere Leidenschaft und den Zusammenhalt nutzen, um den HSV entscheidend mitzugestalten!

Die Initiative UNSER HSV im Oktober 2022

Quellen:

http://nordtribüne-hamburg.de/2020/11/nachhaltiges-wirtschaften-beim-hsv/

Stellungnahme Forza Hamburg

Zukunft Profifußball – Vereine als demokratische Basis

https://www.hsv.de/news/das-angebot-ist-in-dieser-form-nicht-umsetzbar

Unsere Kurve – 50+1 Regel

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